Wie konntest du nur?

Als ich noch ein Welpe war, unterhielt ich Dich mit meinen Posen und brachte Dich zum Lachen.
Du nanntest mich Dein Kind, und trotz einer Anzahl durchgekauter Schuhe und so manchem verstümmelten Sofakissen wurde ich Dein bester Freund. Immer wenn ich »böse« war, erhobst Du Deinen Finger und fragtest mich »Wie konntest Du nur?« – aber dann gabst Du nach und drehtest
mich auf den Rücken, um mir den Bauch zu kraulen.


files/bilder/Beitragsbilder/TierReha_JimWillis_4.jpgMit meiner Stubenreinheit dauerte es ein bisschen länger als erwartet, denn Du warst furchtbar beschäftigt, aber zusammen bekamen wir das in den Griff. Ich erinnere mich an jene Nächte, in denen ich mich im Bett an Dich kuschelte und Du mir Deine Geheimnisse und Träume anvertrautest, und ich glaubte, das Leben könnte nicht schöner sein. Gemeinsam machten wir lange Spazier-gänge im Park, drehten Runden mit dem Auto, holten uns Eis (ich bekam immer nur die Waffel, denn »Eiskrem ist schlecht für Hunde«, sagtest Du) und ich döste stunden-
lang in der Sonne, während ich auf Deine abendliche Rückkehr wartete.


Allmählich fingst Du an, mehr Zeit mit Arbeit und Deiner Karriere zu verbringen – und auch damit,
Dir einen menschlichen Gefährten zu suchen. Ich wartete geduldig auf Dich, tröstete Dich über Liebeskummer und Enttäuschungen hinweg, tadelte Dich niemals wegen schlechter Entscheidungen
und überschlug mich vor Freude, wenn Du heimkamst, und auch, als Du Dich verliebtest. Sie, jetzt
Deine Frau, ist kein »Hundemensch« – trotzdem hieß ich sie in unserem Heim willkommen,
versuchte, ihr meine Zuneigung zu zeigen und gehorchte ihr. Ich war glücklich, weil Du glücklich warst.


Dann kamen die Menschenbabies, und ich teilte Deine Aufregung darüber. Ich war fasziniert von ihrer rosa Haut und ihrem Geruch und wollte sie genauso bemuttern. Nur dass Du und Deine Frau Angst hattet, ich könnte ihnen wehtun, und so verbrachte ich die meiste Zeit verbannt in einem anderen Zimmer oder in meiner Hütte. Oh, wie sehr wollte auch ich die Kleinen lieben. Doch ich wurde zu einem »Gefangenen der Liebe«.


Als sie heranwuchsen, wurde ich ihr Freund. Sie krallten sich in meinem Fell fest, zogen sich auf wackligen Beinchen daran hoch, pieksten ihre Finger in meine Augen, inspizierten meine Ohren und gaben mir Küsse auf die Nase. Ich liebte alles an ihnen, liebte ihre Berührung – denn Deine Berührungen waren selten geworden. Ich hätte die Kinder mit meinem Leben verteidigt, wenn es nötig gewesen wäre. Ich kroch heimlich in ihre Betten, hörte ihren Sorgen und Träumen zu, und gemeinsam warteten wir auf das Geräusch Deines Wagens in der Auffahrt.


Es gab einmal eine Zeit, da zogst Du auf die Frage, ob Du einen Hund hättest, mein Foto aus der Brieftasche und erzähltest Geschichten über mich.In den letzten Jahren hast Du nur noch mit »Ja« geantwortet und das Thema gewechselt. Ich hatte mich von »Deinem Hund« in »nur einen Hund« verwandelt, und jede Ausgabe für mich wurde Dir zum Dorn im Auge.


Jetzt hast Du eine neue Berufsaussichten in einer anderen Stadt, und ihr werdet in eine Wohnung ziehen, in der Haustiere nicht gestattet sind. Du hast die richtige Wahl für »Deine« Familie getroffen
– aber es gab einmal eine Zeit, da war ich Deine einzige Familie. Ich freute mich über die Autofahrt,
bis wir am Tierheim ankamen. Es roch nach Hunden und Katzen, nach Angst und Hoffnungslosigkeit.
Du fülltest die Formulare aus und sagtest »Ich weiß, Sie werden ein gutes Zuhause für Ihn finden«.


Sie zuckten mit den Schultern und warfen Dir einen gequälten Blick zu. Sie wissen, was einen Hund oder eine Katze in »mittleren« Jahren erwartet – auch mit wenn sie einen Stammbaum haben. Du musstest Deinem Sohn jeden Finger einzeln vom Halsband lösen, als er schrie »Nein, Papa, bitte! Sie dürfen mir meinen Hund nicht wegnehmen!« Und ich machte mir Sorgen um ihn und um die Lektionen, die Du ihm gerade beibrachtest – über Freundschaft und Loyalität, über Liebe und Verantwortung, über Respekt vor allem Leben.


Zum Abschied hast Du mir den Kopf getätschelt, den Blick in meine Augen gemieden und höflich auf das Halsband und die Leine verzichtet. Du hattest einen Termin einzuhalten – und nun habe ich auch einen. Nachdem Du fort warst, sagten die beiden netten Damen, Du hättest wahrscheinlich schon seit Monaten von dem bevorstehenden Umzug gewusst und nichts unternommen, um ein gutes Zuhause
für mich zu finden.


files/bilder/Beitragsbilder/TierReha_JimWillis_3.jpgSie schüttelten den Kopf und dachten »Wie konntest Du nur?«. Hier im Tierheim kümmern sie sich um uns so gut es eben geht. Natürlich werden wir gefüttert, aber ich habe meinen Appetit schon vor Tagen verloren. Anfangs rannte ich immer vor ans Gitter, sobald jemand an meinen Käfig kam, in der Hoffnung, das seist Du – dass Du Deine Meinung geändert hättest – dass all dies nur ein schlimmer Traum gewesen sei. Oder ich hoffte, dass es zumindest jemand wäre, der Interesse an mir hätte und mich retten könnte. Als ich einsah, dass ich nichts zu bieten hatte im Vergleich mit dem vergnügten Um-Aufmerksamkeit-Heischen unbeschwerter Welpen, die völlig ahnungslos waren, was ihr künftiges Schicksal betraf, zog ich mich in eine einsame Ecke zurück und wartete.


Ich hörte ihre Schritte, als sie am Ende des Tages kam, um mich zu holen, und trottete hinter ihr her den Gang entlang zu einem abgelegenen Raum – ein angenehm ruhiger Raum. Sie hob mich auf
den Tisch, kraulte meine Ohren und sagte mir, alles sei in Ordnung. Mein Herz pochte vor Aufregung. Was würde jetzt wohl geschehen? Aber da war auch ein Gefühl der Erleichterung.


Für den Gefangenen der Liebe war die Zeit abgelaufen. Meiner Natur gemäss war ich aber eher um sie besorgt. Ihre Aufgabe lastet schwer auf ihr – das spürte ich genauso, wie ich jede deiner Stimmungen erfühlt hatte. Behutsam legte sie den Stauschlauch an meiner Vorderpfote an, während eine Träne über ihre Wange floss. Ich leckte ihre Hand, um sie zu trösten genauso wie ich Dich vor vielen Jahren getröstet hatte. Mit geübtem Griff führte sie die Nadel in meine Vene ein. Ich konnte den Einstich spüren, und eine kühle Flüssigkeit lief durch meinen Körper. Dann wurde ich schläfrig und legte mich hin, blickte in ihre gütigen Augen und flüsterte »Wie konntest Du nur?«


Vielleicht verstand sie die Hundesprache und sagte deshalb »Es tut mir ja so leid«. Sie umarmte mich und beeilte sich mir zu erklären, es sei ihre Aufgabe dafür zu sorgen, dass ich bald an einem besseren Ort wäre, wo ich weder ignoriert, noch missbraucht, noch ausgesetzt werden könnte und wo ich auch nicht auf mich allein gestellt sein würde – an einem Ort der Liebe und des Lichts, vollkommen anders
als mein irdischer Platz. Und mit meiner letzten Kraft versuchte ich ihr mit einem Klopfen meines Schwanzes zu verstehen zu geben, dass mein »Wie konntest Du nur?« nicht ihr gegolten hatte.


Du warst es, mein geliebtes Herrchen, an den ich dachte. Ich werde immer an Dich denken
und auf Dich warten. Möge Dir ein jeder in Deinem Leben so viel Loyalität zeigen.

 

© Jim Willis (»How could you« aus dem Buch »Pieces of my Heart«, erschienen im Jahr 2002)
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Elvira Rösch & Nicole Valentin-Willis.
Überarbeitet von Marianne Wengerek.